Berliner Morgenpost
Erschienen am 31.03.2005
Zauberhafte Schinderei
Von Anja Dannenberg
1. Tag. Drau§en Ÿber der EisentŸr leuchtet in rotem Licht
"Aufnahme". Drinnen wird ein Hšrspiel produziert. "Maria, Ihre
Katastrophe. Die Verzweiflung der Hausfrau brauchen wir in der Szene. Noch mehr
griechische Tragšdie. Sie klagen den Gšttern." Regisseur Gštz Naleppa hŠlt
den Knopf am Mischpult gedrŸckt. So kann Schauspielerin Maria Hartmann seine
Regieanweisung Ÿber Lautsprecher hšren. Beide trennt eine Glasfront.
Hier der stickige Regieraum, in dem sich Regisseur, Toningenieur,
Tontechnikerin und Regieassistent hinter ein raumfŸllendes Mischpult quetschen.
Dort der weitlŠufige Aufnahmeraum, wo die Schauspielerin mit Manuskript in der
Hand vor einem Mikrofon steht, inmitten von Schallschutz-Paravents, hohen
schweren VorhŠngen, Requisiten wie Regenschirm und Holzlatten. Hartmann spricht
ihre Rolle fŸr das Hšrspiel "Naturgewalten". Sie spielt Genevive,
die akribisch AppetithŠppchen angerichtet hat. Und jetzt das: Die GŠste bleiben
aus.
Hartmann nickt dem Regisseur zu. Sie hebt zum Sprechen an. Er hebt
dirigierend die Arme, schlie§t die Augen. Tontechnikerin, Toningenieur,
Regieassistent stellen jede Bewegung ein. Alle Konzentration liegt im
Gehšrgang. Aus der Stille heraus durchdringt Fassungslosigkeit die wuchtigen
Lautsprecher, erfŸllt den Regieraum: "Und was soll ich jetzt mit dem
ganzen Essen machen? Die kommen nicht mehr! Ich kann's doch nicht
wegwerfen." Ein einziges Wehklagen.
Die Frau und die drei MŠnner im Regieraum spŸren den Worten nach,
erlauschen den Klang echohaft. Gibt es stšrende LippengerŠusche? Falsche Atmer?
Ist die Betonung richtig? Klingt die Stimme echt? Entspricht sie der Figur? Vor
allem: Stimmt der Rhythmus? Der Regisseur lŠchelt. Nach dem Etappensieg teilen
sich Maria Hartmann und ihr Sprechpartner Gerd Wameling einen Apfel.
"Denkt musikalisch-rhythmisch mit dem Text. Nicht
naturalistisch." Das ist das Credo. Das wird der Regisseur an den weiteren
fŸnf Tagen allen 13 Schauspielern sagen, die fŸr Sprachaufnahmen ins Studio 6
des Deutschlandradios kommen werden. Produziert wird ein Hšrspiel von David
Lescot fŸr den SaarlŠndischen Rundfunk mit Deutschlandradio Kultur als Koproduzent
- eine von rund 20 Ko- neben 70 Eigenproduktionen pro Jahr im Bereich
Hšrspiel/kŸnstlerisches Feature, womit das Berliner Funkhaus eine
Spitzenposition unter den Sendern in der Bundesrepublik einnimmt.
Der Regisseur selbst hat die Komšdie aus dem Franzšsischen Ÿbersetzt.
Autor Lescot erzŠhlt von einem Weltumsegler, der fern der Zivilisation allen
Naturgewalten trotzt. Und von zwei tšlpelhaften PŠrchen inmitten der
Zivilisation. Seinen Witz bezieht das StŸck Ÿber das Radio, das - als
Hauptperson - die Handlung der Figuren ironisch kommentiert.
6. Tag. Patsch, patsch, patsch. Deutliche Frauenschritte auf
regennassem Asphalt. Digital aufgezeichnet. Das Trampeln der Schauspielerin
Andrea Sawatzki mit flachen Stiefeln auf zwei nassen GeschirrtŸchern. Aufgenommen
im resonanzarmen Raum, dem Schalltoten, der eine nachtrŠgliche elektronische
Bearbeitung der Aufnahmen ermšglicht. Alles Notwendige liegt nun fŸr die
Mischung digital vor: Sprachaufnahmen, (Archiv-)GerŠusche, Radio
France-Schnipsel. Gearbeitet wird an der Szene mit der Reifenpanne der GŠste
Eveline (Sawatzki) und Jacques (Detlef Jacobsen). "Das Vibrieren des
Reifens braucht eine gleichbleibende Frequenz", findet Toningenieur Lutz
Pahl. "Du denkst zu logisch", springt Regisseur Naleppa auf.
"Das mu§ Crescendo haben mit kŸrzer werdenden Intervallen", pflichtet
Tontechnikerin Barbara Zwirner bei. "Danke Barbara", zeigt sich der
Regisseur zufrieden. Regieassistent Thomas Doktor hŠlt sich raus. Widerstrebend
greift der Ingenieur zur Computermaus und verŠndert den auf zwei nebeneinander
stehenden Bildschirmen abgebildeten zackigen Herzrhythmus, der alle
Tonaufnahmen visuell wiedergibt. Ruuums, rums, rms, rrrm, rrrrrr, ruuuuuuuums.
Denkt musikalisch-rhythmisch ...
10. Tag. Alle sind nervšs, heute soll die Abnahme vor den Kollegen
sein. Noch mŸssen zwei Szenen gemischt werden. Die †bergŠnge ebenso.
Deutschlandradio-Kultur-Hšrspielchefin Stefanie Hoster zuckt mit den Schultern:
"Ich hab' ja gleich gesagt, die Radioebene ist schwierig zu
montieren." Wir Zuhšrer sind letztmalig auf der Terrasse bei Genevive
(Maria Hartmann) und Simon (Gerd Wameling). Der Regieassistent spielt Windbšen,
Gewittergrollen, Hagel aus dem Archiv ein. Simon plagt sich, GartenstŸhle
aufzubauen, klappert mit Schraubenziehern (Wameling im Schalltoten). Helle
Stuhltšne werden "vermumpft" und "gefiltert". Wir hšren
beide, mal deutlich, mal undeutlich - "entsprechend dem Wind, der die
Satzfetzen zu uns trŠgt", wie Regisseur Naleppa meint. Das Radio soll
"gefeatured rauspoppen" an wichtigen Stellen. Simon will den
Naturgewalten trotzen: "Ich stelle den gro§en Sonnenschirm auf",
brŸllt er gegen das Donnergrollen an, das "hervorgeholt" wird.
"Flapp-Flapp" macht der Sonnenschirm beim Umklappen. Tontšpfe
scheppern (Naleppa im Schalltoten) und werden von stereo auf
"punktuell"-mono gelegt. "Hilf mir, sonst flieg ich weg",
ruft Simon seiner Frau zu. Dann sein Schrei ...
Stimmen, Klang und Raum lassen die Figuren leben. Kino im Kopf.
Individuell, einzigartig. Da kann die Fantasie mit dem Hšrer durchgehen. Der
Regisseur grinst: "Und wie kriegen wir Wameling jetzt wieder vom Dach
runter?"
"Naturgewalten": Deutschlandradio Kultur. UKW 89,6. 6. April
21.33 Uhr.
Erschienen am 31.03.2005